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Was ist eigentlich Geodäsie?

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Der Tag der offenen Tür findet dieses Jahr zeit­gleich mit dem Uni-Sommer­fest statt. Hier erfahrt ihr alles über das Studium der "Geodäsie und Geoinfor­mation" in Bonn!

 

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Sie sind hier: Startseite Studieninteressierte Was Bonner Absolventen sagen ... Dieter Fritsch

Dieter Fritsch

 


1.    Heutiges Arbeitsfeld:  Zunächst einmal möchte ich feststellen, dass ich mit Dankbarkeit auf eine phänomenale Karriere zurückblicken kann. Dies war nicht so geplant, jedoch hat meine Offenheit für Problemstellungen und deren Lösungen in allen Bereichen (Wissenschaft, Interkulturalität, Management) mir immer wieder neue Ämter und Verantwortlichkeiten zugetragen.  Nach einer klassischen akademischen Laufbahn (Studium, Promotion, Habilitation) wurde ich nach meiner Berufung als Professor an die Universität Stuttgart (1992) bereits zwei Jahre später zum Dekan für Bauingenieur- und Vermessungswesen (1994-96), dann zum Prorektor Lehre und Weiterbildung (1998-2000) und schliesslich zum Rektor (2000-06) gewählt.  Letzteres Amt hat mir neue Türen geöffnet, so dass ich heute neben meiner Professur vielfältige Aufgaben als Berater (national und international) in der Wissenschaft,  Industrie und Verwaltung wahrnehme. Ich bin nach wie vor hoch motiviert und wissenschaftlich neugierig und möchte noch zu vielen wissenschaftlichen, technologischen und humanitären Problemstellungen Beiträge leisten.

Als Professor der Universität Stuttgart und Direktor des Instituts für Photogrammetrie setze ich mich mit spannenden Aspekten der universitären und industriellen Forschung, Lehre, Technologietransfer und Interkulturellen Angelegenheiten auseinander.  In der Forschung bearbeiten wir Fragestellungen der Photogrammetrie und Computer Vision, des Laser Scannings (Luft, Terrestrisch und Mobil) sowie der Geoinformatik (Grammatik und Ontologie, Datenqualität, hybrides Datenmanagement). Beispielhaft sollen einige Projekte besonders hervorgehoben werden. So wird von uns schon seit Jahren die photogrammetrische Kamerakalibration und Punktbestimmung mittels bekannter und neuer mathematischer Methoden untersucht und durch regelmäßige Befliegungen des Testgebiets Vaihingen/Enz empirisch geprüft.  Auf diese Weise sind alle bisher durch die Industrie angebotenen digitalen Kamerasysteme von uns quasi „zertifiziert“ worden. Hierzu gehört auch die Integration von differentiellem GPS und Inertialen Navigationssystemen zur Festlegung von Kameraposition und –orientierung. Derzeit erforschen wir die Nutzung von unbemannten/ferngesteuerten Flugkörpern für die photogrammetrische Datenerfassung. Der Einsatz neuer Bildzuordnungsverfahren liefert digitale Oberflächenmodelle von bisher nicht gekannter Punktdichte und –qualität – jedes Pixel im Bild kann in x,y,z-Koordinaten umgerechnet werden. Wir bieten Methoden und Software für die vollautomatische Erstellung von 3D-Stadtmodellen an und sind dabei, auch Gebäudeinnenräume vollautomatisch in 3D zu erfassen (Mobile Roboter, MS Kinect, terrestrisches Laser Scanning, Photos). Als Beitrag zur Dokumentation von Weltkulturdenkmälern erfassen wir Klöster und historische Gebäude, rekonstruieren diese durch texturierte CAD-Modelle, die dann in dritter Dimension durch Google Earth virtuell besucht werden können. Hier arbeiten wir auch eng mit der Cyark-Stiftung, San Francisco, zusammen. Als Kennzahl meines Beitrags zur Forschung gilt vielleicht die Zahl der von mir hauptamtlich betreuten Doktoranden, die 2012 die Zahl 30 überschreitet.

Nachdem die Universität Stuttgart durch meine Visionen zum eLearning 2005 den MeDiDa Prix  gewonnen hat, habe ich Ende 2006 erste Vorlesungen als Videocast aufgezeichnet. Seit Frühjahr 2007 werden alle Vorlesungen meines Instituts als Videocasts (deutsch, englisch) im Internet angeboten. Durch diese Aktivitäten hat mich z.B. die Fa. Apple, Cupertino als Berater im University Education Forum (UEF) eingeladen, eine Tätigkeit, die ich seit 2006 mit großer Freude und regelmäßig ausübe. Von mir werden Vorlesungen in deutscher Sprache für Studierende der Studiengänge Geodäsie und Geoinformatik, Luft- und Raumfahrttechnik, Umweltschutztechnik und Informatik in der  Ausgleichungsrechnung , Signalverarbeitung und Geoinformatik angeboten. Im englischsprachigen Studiengang GEOENGINE unterrichte ich in Signal Processing, Digital Aerial Data Acquisition, Geoinformatics und Topology and Optimization.

Im Bereich des Technologietransfers arbeite ich seit vielen Jahren eng mit der Industrie zusammen. Neben speziellen Studien, Beratungen und weiteren Dienstleistungen soll hier beispielhaft alle zwei Jahre die Veranstaltung der Photogrammetrischen Woche aufgeführt werden – eine internationale Tagung, die regelmäßig mehr als 500 Teilnehmer aus mehr als 50 Ländern der Erde nach Stuttgart lockt.

Im interkulturellen Bereich möchte ich beispielhaft nur ein Projekt aufzeigen, welches mich ebenso nach wie vor noch fordert und mich dennoch mit Freude im Rückblick auf das bisher Erreichte erfüllt: die Gründung der German University in Cairo (GUC, 2003), Kairo, Ägypten. Die Gründung wurde  von mir mit ägyptischen Freunden vorbereitet und durch einen Staatsakt am 5.10.2003 feierlich mit den ersten 900 Studierenden eröffnet. Heute studieren ca. 9000 Studierende an dieser privaten Universität, die seit einigen Jahren das Ranking der ägyptischen Privatuniversitäten mit Platz 1 belegt. Vor wenigen Wochen wurde dort von mir ein neues Labor für Geodäsie und Geoinformatik eröffnet – ein Studiengang wird folgen!


2.    Faszination der Arbeitsgebiete:  ich bin nach wie von den Anforderungen und der Vielseitigkeit unseres Berufsstandes  fasziniert. Einerseits ist der Sachverstand des Ingenieurs gefragt, der mit mathematischer Begabung, technologischem Sachverstand und einem gewissen Pragmatismus eine Aufgabe lösen muss. Andererseits stehen wir auch als Manager von Wissenschaft und Forschung in der Pflicht, eine grandiose Aufgabe, die mir bisher viele Erfolge zuteil werden ließ. Eine weitere Faszination strahlt die technologische Entwicklung aus. Als Hochschullehrer kann man diese Entwicklung mit beeinflussen und hat ebenso immer die neuesten Geräte im Einsatz, auch zur Faszination der Studierenden.


3.    Wahl des Hochschulstandorts Bonn: Da ich über eine Lehre, zweiter Bildungsweg und Ingenieurausbildung an einer Fachhochschule mit dem Vermessungswesen (heute Geodäsie und Geoinformatik) in einigen Facetten vertraut war, wollte ich bewusst eine gute universitäre Ausbildung in der theoretischen Geodäsie durchlaufen. Hier gab es in den 1970er Jahren eigentlich nur den Standort Bonn, der meinen Wünschen und Neigungen am besten entsprach.  Dort forschten und lehrten zu diesem Zeitpunkt die international anerkannten Professoren Dr. mult. Helmut Wolf, Dr. mult. Karl-Rudolf Koch und Dr.mult. Erik W. Grafarend.


4.    Studium Uni Bonn – gute Vorbereitung für später?:  Nach erfolgreichem Vordiplom (bereits nach 3 Semestern) konnte ich die theoretische Geodäsie – wie geplant – vertiefen. Darüber hinaus wurde mir die Stelle einer studentischen Hilfskraft bei Prof. Wolf, Institut für Theoretische Geodäsie, angeboten, ein absoluter Glücksfall. So konnte ich bereits im Hauptstudium meine mathematischen Neigungen ausleben und in die Institutsforschung zweckdienlich einbringen. Nach nur 4 Semestern Hauptstudium konnte ich bereits nach 7 Semestern das Diplom „mit Auszeichnung“ abschließen und erhielt das Angebot, am Institut für Theoretische Geodäsie zu promovieren (durch Prof. K.-R. Koch). Ein kleines „Schmankerl“ sei hier noch aufgeführt: Gemäß dem damaligen Universitätsgesetz konnte nur der zum „Wissenschaftlichen Assistenten“ eingestellt werden, der mindestens 4 Jahre an einer wissenschaftlichen Hochschule NRWs studiert hatte, d.h. mir fehlte 1 Semester, welches ich dann als „geprüfte wissenschaftlich Hilfskraft“ in Wartestellung noch absolvieren musste. Die Promotion auf dem Gebiet der digitalen Signalverarbeitung (mit viel Ausgleichungsrechnung und Statistik) hat mich bis heute geprägt! Ich bin sehr froh, an der Universität Bonn studiert und promoviert zu haben.


5.    Was hat mir damals besonders gut gefallen?: Ich möchte da zuerst die besondere Nähe der Studenten zu den tragenden Instituten aufführen. Wir fanden in jedem Institut sogenannte „offene Türen“ vor und konnten bei Bedarf nachfragen. Zum zweiten war Bonn als Stadt für Studierende ebenso attraktiv. Auch wenn Bonn damals noch Bundeshauptstadt war und wir Studenten darüber Witze machten, dass in Bonn nichts los war (es galt die Interpretation B.O.N.N. – Bundeshauptstadt Ohne Nennenswertes Nachtleben), so hat mich dort insbesondere die große studentische Population begeistert – man hatte Freunde und Freundinnen aus vielen Fachgebieten, mit denen man sich regelmäßig in einer Kneipe traf. Das erste Semester wohnte ich sogar über einer Kneipe, eine absolute Kulmination in meinem sozialen Netzwerk.


6.    Macht es heute Sinn, Geodäsie und Geoinformation zu studieren?: Ja, es macht großen Sinn. Die damalige Faszination unseres Studienfachs hat nichts verloren, im Gegenteil, ist durch die Geoinformatik viel attraktiver geworden. Seit Google Earth (2005) weiß mittlerweile auch jedermann, wie man Geodäsie und Geoinformatik im Alltag nutzen kann. Auch wenn in den öffentlichen Verwaltungen durch personelle Umbauprozesse nicht mehr so viele Assessoren benötigt werden, findet der heutige Bachelor, Master oder promovierte Geodät viele faszinierende Jobangebote vor, viel mehr als damals. Ich würde heute auch wieder Geodäsie und Geoinformatik studieren!


7.    Ist Bonn ein guter Standort?: Aus meiner Sicht hat Bonn als Standort für das Studium der Geodäsie und Geoinformatik nichts an Attraktivität eingebüßt. Meine dortigen Kollegen haben es verstanden, die Studieninhalte den heutigen Bedürfnissen anzupassen und haben eine gewinnbringende Liason mit den landwirtschaftlichen Instituten gestartet, ein exzellente Maßnahme! Aus meiner Sicht kann ich Bonn uneingeschränkt als Studienstandort empfehlen. Bonn hat ein attraktives Umfeld: das Siebengebirge zum Wandern, Joggen und Radfahren ebenso wie den Kottenforst. Die Eifel ist nicht weit weg und wer zum Kölschtrinken nach Köln will, ist ebenso in Bonn gut aufgehoben.

 

 

Dieter Fritsch

 

 

 

 

 

 

 

Prof. Dr.-Ing. Dieter Fritsch

 

Universität Stuttgart, Institut für Photogrammetrie, Geschwister-Scholl-Str. 24D, 70174 Stuttgart
Professur (W3 mit Leitungsfunktion) für Photogrammetrie und Vermessungswesen,
Direktor des Instituts für Photogrammetrie,
Aufsichtsratsvorsitzender der Stiftung Internationale Gesellschaft für Photogrammetrie und Fernerkundung (TIF),
Mitglied im Aufsichtsrat Deutsche Universität in Kairo,
Vizepräsident Forschung EuroSDR und vieles mehr.

 

 

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